Textproben von Monika Dieck - Kurzgeschichten
Eine weitere Textprobe findet sich hier:
Schwarzer Tod (Auszug)
Jemand hielt ihr Mund und Nase zu, drückte sie nach hinten.
Sie saß in ihrem Lieblingssessel, hatte sich entspannen und etwas trinken wollen. Stattdessen schlug sie um sich. Sie versuchte sich loszureißen, aber die kalten, glatten Hände, die sie festhielten, waren zu kräftig. Brutal und kräftig. Vergeblich. Sie war zu schwach. Schwindel ergriff sie.
Dann verließ sie der Wille zur Gegenwehr.
Der Griff um ihren Mund lockerte sich. Plötzlich wurde ihr etwas Weiches, Widerspenstiges in den Mund gestopft. Brechreiz überkam sie. Sie umklammerte Fetzen samtigen Stoffes und sackte in sich zusammen.
Ihre Arme rutschten seitlich an den Sessellehnen hinab...
(Vollständiger Text erschienen in: Caligo Literaturzeitschrift, hg. von Carsten Schmidt,
Ausgabe 1, Januar-März 2008)
Leichen der Großstadt (Auszug)
Es roch nach Katzenurin und Erbrochenem. Das Künstlerviertel hatte er sich anders vorgestellt. Sein Blick wanderte über den Asphalt. Er sah tote Mäuse, vergiftet, überfahren, zertreten. Es riecht nach Miezen, fluchte er innerlich, aber es stinkt nach Mäusen. Die Räuber jagen die Viecher, brechen ihnen das Genick und dann lassen sie sie achtlos liegen. Maraschek schlich durch die enge Gasse, die zur Villa des berühmten Intendanten führte. Er rümpfte die Nase. "Warum wohnt der in einem solchen Drecksviertel", knurrte er. "Wenn Geld stinkt und Armut krank macht, dann bringt ein Viertel wie dieses mit Sicherheit jeden Tag einen Menschn um. Ein Massengrab. Dieser größenwahnsinnige Musiker soll seine Leiche gefälligst selbst wegschaffen!"
Er zündete sich eine Zigarette an, seine fünfte innerhalb der letzten halben Stunde. Seine Hände waren schwitzig und das Jackett, welches er seit einer Woche trug, zeugte von Spuren eindeutiger Nachlässigkeit. Maraschek war völlig übermüdet. Seit Wochen machte er nachts kein Auge mehr zu, sondern streifte wie ein räudiger Hund durch das Rotlichtmilieu der Stadt. Die käufliche Liebe einer Frau schien ihm unkomplizierter als das Buhlen um zärtliche Gefühle und unhaltbare Versprechungen. Aber erfüllend war das nicht. Er war kein vorbildlicher Polizist. Kein gutgläubiger Christ, aber ein überzeugter Gesetzeshüter.
Ewige Finsternis, phantasierte er, du hast mich in deine Fänge genommen.
Der Putz seines Lebens bröckelte, seine Fassade hatte Risse...
(Vollständiger Text erschienen in: Der Maulkorb. Literaturzeitschrift. Nr. 3, 2008)